Die Makerbewegung und ihre Auswirkungen auch auf den Handel

Cover des Time-Magazin vom 25.12.2006. Quelle: wikipedia.org

Cover des Time-Magazin vom 25.12.2006. Quelle: wikipedia.org

Maker: Der echte Prosument

Die Protagonisten der Maker-Bewegung sprechen von einer industriellen Revolution. Der Begriff Prosument geistert ja mittlerweile schon über 10 Jahre durch die Presse – damals meist noch im Zusammenhang mit Personalisierung, Mass-Customization oder Open-Innovation. Bei all diesen Prosument-Bewegungen standen jedoch noch Unternehmen im Hintergrund bzw. im Zentrum, welche die Produkte dann auf Basis der individuellen Kundenanforderungen hergestellt haben. Als das Time-Magazin 2006 die Person des Jahres „YOU“ kürte, stand hier noch das Informationszeitalter im Mittelpunk, welches jeder Nutzer selbst kontrollieren kann. Zu dieser Zeit waren und sind es noch bis heute die Plattformen für digitalen Austausch und Bereitstellung von Informationen, wie YouTube, Facebook (damals MySpace) oder Blogs etc. Ebenso öffneten sich verstärkt Unternehmen, welche die Kunden verstärkt mit in den Produktentwicklungs- und Produktionsprozess zu integrieren versuchten – insbesondere durch Mass-Customization nicht nur von Autos, sondern auch Schuhen, Hemden usw. oder Müsli.
Alles, was damals nur die „digitale“ Welt und Prozesse betroffen hat, findet nun Einzug in die „reale“ bzw. „physische“ Welt.

Die neue industrielle Revolution steht bevor

Durch das Internet bzw. der Entwicklung neuer Angebote im Netz sowie insbesondere durch die Entwicklung neuer Technologien wie 3D-Druck und Laser-Cutter etc., die verstärkt auch den Endkundenmarkt erreichen, wird der Prosument bzw. Maker hingegen auch zum Hersteller und wird künftig verstärkt die gesamte Wertschöpfungskette auf den Kopf stellen. Wir befinden uns derzeit kurz vor bzw. vielleicht sogar schon auf dem Tipping-Point, wo diese Bewegungen und Entwicklungen Einzug in den Massenmarkt halten werden. Dies ist sicher kein ganz so schneller Prozess, wie damals als Apple den iPod mit iTunes oder das iPhone eingeführt und damit ganze Branchen – nicht zuletzt die Musik und CD-Industrie – auf in einem rasanten Tempo auf den Kopf gestellt hat. Diese Entwicklung wird sich sicher über einen deutlich längeren Zeitraum hinziehen.

Sie wird aber nicht weniger radikaler sein, als alles, was wir seit der ersten industriellen Revolution erlebt haben. In 2-3 Jahren wird 3D-Druck und/oder Herstellung von Produkten durch den einzelnen Menschen sicher bereits einen großen Anteil am Konsum haben (insbesondere im Spielzeug, Deko- und Design-Bereich).

Folgendes Comic-Video zeigt sehr anschaulich, wie diese Entwicklung aussehen könnte:

Wenn 3D-Druck zur Normalität wird

3D-Druck wird in den nächsten Jahren sicher immer mehr zur Normalität werden und in immer weitere Bereiche vordringen – sogar Arznei- oder Lebensmittel und Häuser, etc. Viele Hersteller werden sich zu Design-Vorlagen-Anbietern verändern – Nokia hat ja erst kürzlich gezeigt, wie dies bei Handyschalen aussehen könnte. Im Prinzip wird sich für einige Unternehmen gar nicht viel verändern müssen. Auch bspw. bei Playmobil kann man weiter den kreativen Part erbringen (lediglich die Produktion in Billiglohnländern fällt weg). Bereits heute werden ja die Figuren, Landschaften etc. am Computer als 3D-Modelle entwickelt. Playmobil könnte sich so bspw. zu einer Art Shapeways oder Thingiverse für Figuren entwickeln, wo man die Design-Vorlage zu einem geringen Preis (ich denke, hier kann man eine Analogie zur Musikindustrie ziehen, da Verpackung, Transport und Produktionskosten sowie Handelsspannen etc. entfallen) zum Download anbieten, welche man dann selbst als Kunde noch anpassen und ausdrucken kann – entweder selbst bzw. eine FabLab oder wie heute bereits bei Shapeways dann eben direkt bei Playmobil den Ausdruck veranlassen kann.

Shapeways CEO Peter Weijmar äußert sich über die Zukunft des Einkaufens wie folgt:

Die Ursprünge der Maker-Bewegung

Die Maker-Bewegung ist ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel, der in den USA schon deutlich weiter fortgeschritten ist, als bei uns. Als Geburtsdatum wird oft auf das Jahr 2005 genannt, da in diesem Jahr erstmals das US-Magazin „Make“ erschien – das Zenralorgan der Heimwerkerszene im 21. Jahrhundert. Seit fast sieben Jahren veranstaltet der Verlag auch die Maker-Faires – also Messen, auf denen Makers ihre Produkte ausstellen. Im vergangenen Jahr mit einem Besucherrekord in New York von 120.000. Selbst in Kairo gibt es inzwischen solche Messen.

Der Bestseller Autor Chris Anderson ist davon überzeugt, dass dies erst der Anfang ist:

„Wir stehen vor einem ähnlichen Phänomen wie wir es vor 40 Jahren zu Beginn des PC-Zeitalters standen.“

Der Weg vom Erfinder zum Macher bis hin zum Unternehmer ist durch die Möglichkeit des Designs per Computer und des Machens per Computer sehr, sehr viel einfacher geworden. Dadurch ist es heute unglaublich einfach geworden, auch sein eigener Produzent zu sein. Man klickt einfach nur noch sich durchs Web. Und genauso, wie es eben möglich ist bei Musik und bei Videos, das auch sofort zu veröffentlichen, geht das eben auch jetzt mit Design.

Die Makers sind in der digitalen Welt schon seit einigen Jahren, insbesondere der Hackerszene, ein Thema. Irgendwann reichte es ihnen nicht mehr aus, sich nur mit Bits und Bytes zu beschäftigen. Sie wollten greifbare Dinge schaffen. Zum Beispiel einen 3D-Drucker. Der erste von einer digitalen Gemeinschaft sprich via Open-Source gebaute 3D-Drucker kam vor sechs Jahren auf den Markt. Seit Jahren gibt es auch in Deutschland zahlreiche Hackerspaces, in denen programmiert, gehacked, an Elektronik gebastelt oder eben auch mit Laser-Cuttern oder 3D-Druckern physische Produkte hergestellt werden. Manche Hackerspaces wandeln oder erweitern sich verstärkt zu FabLabs.

Die Do-It-Yourself-Bewegung der Gegenwart ist kreativ und unglaublich vielseitig. Gebastelt, geschraubt, programmiert und gelötet wird mittlerweile eigentlich nahezu alles. Das reicht von selbstgemachten Visitenkarten über 3D-Drucker bis zur Kreissägeblattschleuder.

Die Internetmarktplätze, Etsy, Quirky oder bei uns DaWanda erfreuen sich schon seit Jahren großer und noch immer stark wachsenden Beliebtheit – ein Ende scheint nicht in Sicht. Optimisten meinen, die Makers könnten sogar das Ende der Billigproduktion in asiatischen Ländern einleiten, weil die heimische Produktion der Do-it-yourself-Avantgarde nicht nur individualisierter, sondern auch billiger würde. Wir werden eine Demokratisierung bei Produkten erleben, wie wir sie beim Internet gesehen haben. Wenn jetzt Amateure in der Lage sind, ihre eigenen Hersteller zu werden und eben auch physische Dinge herzustellen können, dann übersteigt das wahrscheinlich die Möglichkeiten der digitalen Revolution noch um ein Vielfältiges.

Selbermachen ist eine regelrechte Bewegung geworden: sexy, cool und zeitgemäß – Nora Abousteit: Making is the new sex

Berndi Slawik äußert sich im Deutschlandradio wie folgt:

„Machen ist eine Geisteshaltung. Und ich weiß nicht, wie wir durch den Tag kommen sollen, ohne irgendwas zum Laufen zu bringen. Ich glaube, dass wir irgendwann mal da angekommen sind, wo wir uns als Konsumenten verstehen, also als Käufer von Sachen. Dabei würde nicht einmal ein durchschnittliches Handy funktionieren, wenn wir es nicht dazu bringen würden. Aber ich meine damit auch, dass wir Menschen sind. Mittlerweile werden viele von uns Macher, um sich auszudrücken. Um zu kommunizieren. Um unsere Interessen und die Dinge, die wir machen und tun wollen, auszutauschen. Dahinter steht die Idee, an etwas teilzuhaben anstatt nur zu konsumieren. Die Idee, die Welt um uns herum zu gestalten und zu verbessern, wie wir sie schön finden. Wir sollen die Welt also so umbauen, wie sie uns gefällt.“

Für Dale Dougherty ist auch die soziale Komponente ein zentrales Thema dabei. Durch das Internet ist es mittlerweile möglich sich weltweit mit gleichgesinnten auszutauschen und sich Tipps zu holen – auf Plattformen, wie bspw. kollabora.com – und seine Projekte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen:

„Durch das Internet können wir viel leichter Kontakte aufbauen und Leute finden. Heute kannst du dir ansehen, wie Leute über ihre DIY-Projekte bloggen, schreiben, Fotos und Videos davon machen und sie so im Netz mit anderen teilen. Und sie bekommen dann Feedback aus aller Welt. Der Austausch ist sehr wichtig. Was die Macherbewegung von reinen Erfindungen und reiner Kunst unterscheidet, ist dieses Verlangen danach, sich auszutauschen. Und dabei geht es nicht nur um die Erfindung selbst, sondern auch um die Entwicklung davon, die Geschichte, die dahinter steckt. Wir sprechen mittlerweile von Open-Source-Hardware.“

Open Source spielt im DIY ohnehin eine sehr große Rolle: Die Macher mögen sich nicht länger vor vollendete Tatsachen stellen lassen. Sie wollen selber bestimmen, was man wie mit einem Produkt machen kann. Beim DIY steht immer zuerst der Spaß an der Sache und das Ausloten der eigenen Fähigkeiten im Zentrum. Die Macher-Kultur, wie sie Make-Magazine-Gründer Dale Dougherty versteht, weitet sich in alle Lebensbereiche aus. Um Teil der Macher-Kultur zu werden, muss man kein Hacker sein.
Jeder ist willkommen:

„Warum bäckt jemand einen Kuchen für Freunde, die zu Besuch kommen? Du könntest ja auch in den Supermarkt gehen und einen kaufen. Ich glaube, dass man die Arbeit auf sich nimmt und etwas selber für jemanden macht, ist ein gesellschaftliches Signal. Wenn dich jemand fragt, ob du den Kuchen selber gemacht hast, und du sagst ja, dann gibt es ein Gespräch darüber. Wenn du aber sagst: Nein, den habe ich im Supermarkt gekauft, wird das Gespräch auf eine etwas unangenehme Art und Weise beendet. Selbermachen gibt Aufschlüsse darüber, wofür wir uns interessieren, wer wir sind und was wir tun. Und dieser Kuchen wird so zu einem Indikator für unseren Persönlichkeitsausdruck: Er sagt etwas über dich und dein Verhältnis zu anderen Leuten aus.“

Die Makerbewegung und ihre Auswirkungen auch auf den Handel
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Über Hagen Fisbeck

Hagen Fisbeck ist Berater für digital gestützten Handel. Seit über 15 Jahren ist er im professionellen eCommerce und Multi-Channel-Handel tätig und war bei der Arcandor AG viele Jahre in leitenden eCommerce-Funktionen und als Intrapreneur tätig. Seit 2009 berät er größere und mittlere Handelsunternehmen im eCommerce und Multi-Channel-Handel und ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter von DigitalRetail
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